SORKC-Modell: Verhaltensanalyse mit Beispiel

Warum schiebt jemand ein wichtiges Telefonat seit Tagen vor sich her, obwohl er weiß, dass es dadurch nur schwerer wird? Warum greift jemand nach jedem Streit zur Schokolade? Die Verhaltenstherapie beantwortet solche Fragen nicht mit Vermutungen über den Charakter, sondern mit einer genauen Analyse: Was passiert vor dem Verhalten, was passiert danach, und was hält es am Leben? Das bekannteste Werkzeug dafür ist das SORKC-Modell.

Dieser Beitrag erklärt die fünf Bestandteile des Modells, zeigt ein vollständig ausgefülltes Beispiel als Tabelle und nennt die Fehler, die beim Erstellen einer Verhaltensanalyse am häufigsten passieren. Einen ersten Überblick über die Methoden der KVT gibt der Beitrag KVT-Methoden einfach erklärt.

Was ist eine Verhaltensanalyse?

Eine Verhaltensanalyse beschreibt ein Problemverhalten nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit seinen Bedingungen. Sie fragt: In welchen Situationen tritt das Verhalten auf? Was geht in der Person vor? Was folgt darauf, kurzfristig und langfristig? Erst wenn diese Zusammenhänge sichtbar sind, wird verständlich, welche Funktion das Verhalten erfüllt und warum es bestehen bleibt, obwohl es auf lange Sicht schadet.

Das SORKC-Modell beschreibt diese Zusammenhänge als Abfolge in der Zeit, man spricht deshalb auch von einer horizontalen Verhaltensanalyse. Es wurzelt in der Lerntheorie, vor allem im operanten Konditionieren: Verhalten, auf das angenehme Folgen kommen oder durch das etwas Unangenehmes wegfällt, wird wahrscheinlicher. Das Modell geht auf den Psychologen Frederick H. Kanfer zurück, der es gemeinsam mit George Saslow ausgearbeitet hat. Es ist bis heute ein Grundbaustein der Fallarbeit in der Verhaltenstherapie.

Die fünf Bestandteile des SORKC-Modells

S – Stimulus (Situation)

S steht für die Reizsituation, in der das Verhalten auftritt. Das können äußere Reize sein, etwa ein Ort, eine Uhrzeit, eine bestimmte Person oder eine Bemerkung. Ebenso können es innere Reize sein, zum Beispiel ein Gedanke, eine Erinnerung oder ein Körpergefühl wie Herzklopfen. Wichtig ist eine konkrete Beschreibung: nicht „bei Stress“, sondern „Montagmorgen, 9 Uhr, die Teamleiterin legt eine Liste mit Kundenrückrufen auf den Schreibtisch“.

O – Organismus (Person)

O steht für die Ausgangslage der Person, die beeinflusst, wie sie auf den Stimulus reagiert. Dazu gehören körperliche Bedingungen wie Müdigkeit, Hunger, Krankheit oder Medikamente, aber auch die Lerngeschichte und überdauernde Überzeugungen, etwa „Ich darf keine Fehler machen“. In der kognitiven Verhaltenstherapie werden hier häufig auch Grundannahmen im Sinne von Aaron T. Beck eingetragen, also tiefe Überzeugungen über sich selbst und die Welt. Manche Darstellungen ordnen Gedanken in der Situation dagegen der Reaktion zu. Entscheidend ist, dass Sie im eigenen Schema einheitlich vorgehen.

R – Reaktion (Verhalten)

R beschreibt die Reaktion auf den Stimulus. Damit nichts übersehen wird, wird sie meist auf vier Ebenen erfasst:

  • kognitiv: Was denkt die Person? Etwa „Der Kunde wird sich beschweren.“
  • emotional: Was fühlt sie? Etwa Angst oder Scham.
  • physiologisch: Was passiert im Körper? Etwa Anspannung, Magendrücken, schneller Puls.
  • motorisch bzw. im Verhalten: Was tut sie sichtbar? Etwa E-Mails sortieren statt anzurufen.

K – Kontingenz

K beschreibt die Beziehung zwischen Verhalten und Konsequenz: wie regelmäßig und wie schnell die Folge auf das Verhalten eintritt. Folgt sie jedes Mal oder nur manchmal? Sofort oder erst nach Tagen? Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sofortige Folgen Verhalten deutlich stärker prägen als verzögerte. In der Lehrliteratur wird K nicht ganz einheitlich beschrieben. Manche Darstellungen ordnen hier auch die Art der Verstärkung ein. Für die Praxis genügt es, Regelmäßigkeit und zeitlichen Abstand festzuhalten.

C – Konsequenz

C steht für die Folgen des Verhaltens. Unterschieden werden vier Arten:

Kürzel Bezeichnung Was passiert Wirkung auf das Verhalten
C+ positive Verstärkung etwas Angenehmes kommt hinzu wird wahrscheinlicher
C/− negative Verstärkung etwas Unangenehmes fällt weg wird wahrscheinlicher
C− direkte Bestrafung etwas Unangenehmes kommt hinzu wird unwahrscheinlicher
C/+ indirekte Bestrafung etwas Angenehmes fällt weg wird unwahrscheinlicher

Zusätzlich wird zwischen kurzfristigen und langfristigen Konsequenzen unterschieden. Genau hier liegt oft der Schlüssel: Viele Problemverhaltensweisen werden kurzfristig belohnt, meist durch negative Verstärkung, und schaden erst langfristig. Weil die kurzfristige Folge schneller und sicherer eintritt, bestimmt sie das Verhalten stärker.

Ein ausgefülltes Beispiel

Hinweis: Das Beispiel ist frei erfunden und dient nur zur Veranschaulichung. Es beschreibt ein Alltagsproblem ohne Krankheitswert, wie es auch in einer Beratung oder einem Coaching vorkommen kann.

Herr T., 41 Jahre, arbeitet im Kundenservice. Unangenehme Rückrufe bei verärgerten Kunden schiebt er regelmäßig auf, manchmal über mehrere Tage. Seine Teamleiterin hat ihn bereits darauf angesprochen.

Element Eintrag für Herrn T.
S – Stimulus Montag, 9 Uhr: Auf seinem Schreibtisch liegt eine Liste mit drei Rückrufen, darunter ein Kunde, der in einer E-Mail mit Beschwerde gedroht hat.
O – Organismus schlecht geschlafen; Lerngeschichte: Kritik im Elternhaus oft laut und abwertend; Überzeugung „Wenn jemand wütend auf mich ist, habe ich versagt“; wenig Übung in schwierigen Gesprächen
R – kognitiv „Der schreit mich bestimmt an.“ „Ich finde sowieso keine Lösung.“
R – emotional Anspannung, Angst (von ihm geschätzt 70 von 100), Scham
R – physiologisch Magendrücken, flacher Atem, verspannte Schultern
R – motorisch legt die Liste zur Seite, beantwortet zuerst einfache E-Mails, holt Kaffee, ruft den Kunden nicht an
K – Kontingenz Die Erleichterung tritt sofort und jedes Mal ein. Die negativen Folgen kommen verzögert und unregelmäßig.
C kurzfristig C/−: Angst und Anspannung lassen sofort nach (negative Verstärkung). C+: Er erledigt angenehmere Aufgaben und fühlt sich kurz produktiv.
C langfristig C−: Der Kunde beschwert sich schriftlich, die Teamleiterin spricht ihn an. C/+: Er verliert Anerkennung im Team. Die Überzeugung „Ich kann mit wütenden Menschen nicht umgehen“ wird gestärkt, weil er nie erlebt, dass ein Gespräch gelingt. Die nächste Liste löst noch mehr Anspannung aus.

Die Analyse zeigt, warum Vorsätze wie „Ab morgen rufe ich sofort an“ oft scheitern: Das Aufschieben wird jedes Mal sofort belohnt, die Nachteile kommen später. Die Analyse erklärt das Verhalten, sie wertet es nicht.

Von der Analyse zur Intervention

Eine gute Verhaltensanalyse ist kein Selbstzweck. Jeder Bestandteil zeigt einen möglichen Ansatzpunkt für Veränderung:

  • Am Stimulus: Situationen verändern, etwa die schwierigsten Rückrufe gleich am Anfang des Tages einplanen, bevor die Anspannung wächst.
  • Am Organismus: Überzeugungen prüfen, etwa mit dem sokratischen Dialog, und Bedingungen wie Schlaf berücksichtigen.
  • An der Reaktion: Alternativverhalten aufbauen, etwa einen Gesprächsleitfaden erarbeiten und in Gesprächsübungen erproben.
  • An der Konsequenz: neue Verstärker planen, etwa eine kleine Belohnung nach erledigten Rückrufen, und die langfristigen Folgen bewusst machen.

Welche Interventionen in der KVT dafür zur Verfügung stehen, zeigt der Beitrag KVT-Übungen und Interventionen. Die Analyse wird im Verlauf überprüft und angepasst. Sie ist eine Arbeitshypothese, keine endgültige Wahrheit.

Typische Fehler bei der Verhaltensanalyse

  1. Zu allgemeine Situationen: „Bei Stress“ oder „im Job“ ist kein Stimulus. Beschreiben Sie eine einzelne, konkrete Situation mit Ort, Zeit und Auslöser.
  2. Mehrere Verhaltensweisen in einer Analyse: Aufschieben, Grübeln und Streit in einer Tabelle vermischt ergeben kein klares Bild. Pro Analyse ein Zielverhalten.
  3. Nur kurzfristige oder nur langfristige Folgen: Wer nur die negativen Langzeitfolgen sieht, versteht nicht, warum das Verhalten bleibt. Die kurzfristige Erleichterung gehört immer dazu.
  4. Negative Verstärkung mit Bestrafung verwechselt: „Negativ“ bedeutet hier, dass etwas wegfällt, nicht dass die Folge schlecht ist. Das Nachlassen von Angst ist negative Verstärkung und macht ein Verhalten wahrscheinlicher.
  5. Vermutungen als Tatsachen eingetragen: Gedanken und Gefühle werden so notiert, wie die Person sie beschreibt, nicht so, wie die beratende Person sie vermutet. Offene Punkte werden als Hypothese markiert.
  6. Die Organismusvariable vergessen: Ohne Lerngeschichte und Überzeugungen bleibt unklar, warum gerade diese Person in dieser Situation so reagiert.
  7. Analyse ohne Konsequenz für die Planung: Eine Verhaltensanalyse, aus der keine Ansatzpunkte abgeleitet werden, bleibt Papier.

SORKC in der Praxis: wer darf was?

Das SORKC-Modell ist ein Analysewerkzeug. Es lässt sich bei Alltagsproblemen ohne Krankheitswert einsetzen, etwa in Beratung, Coaching, Pädagogik oder Personalarbeit. Wer mit Kindern oder Teams arbeitet, kann damit zum Beispiel verstehen, welche Folgen ein störendes Verhalten aufrechterhalten.

Anders ist es, wenn die Analyse Teil der Behandlung einer psychischen Störung ist, etwa einer Angststörung, einer Depression oder einer Sucht. Dann geht es um die Ausübung der Heilkunde. Dafür braucht es nach § 1 Heilpraktikergesetz eine Erlaubnis: eine Approbation oder eine Heilpraktikererlaubnis, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie, die das Gesundheitsamt nach einer Überprüfung erteilt. Die Bezeichnung „Psychotherapeut“ ist geschützt und Approbierten vorbehalten.

Eine KVT-Weiterbildung vermittelt Methodenkompetenz, aber keine Erlaubnis. Zeigt sich in einer Beratung, dass hinter einem Verhalten eine Störung mit Krankheitswert stehen könnte, etwa anhaltende Niedergeschlagenheit, starke Ängste oder Suizidgedanken, verweisen Sie an eine ärztliche oder psychotherapeutische Stelle. Bei akuter Gefahr ist die Notfallversorgung zuständig. Wie Methodenkompetenz und Erlaubnis zusammenpassen, beschreibt der Beitrag KVT für Heilpraktiker für Psychotherapie.

Verhaltensanalyse bei ARSANIS lernen

In der KVT-Ausbildung online von ARSANIS – Die Heilpraktikerschule hat die Verhaltensanalyse einen eigenen Themenblock: die Verhaltensanalyse nach dem SORKC-Modell und die Phasen des Therapieprozesses von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Abschluss. Die lerntheoretischen Grundlagen, also klassisches und operantes Konditionieren und Modelllernen, und die operanten Verfahren wie Verstärkerarten, Token-Systeme und Kontingenzverträge werden in weiteren Blöcken behandelt.

Der Unterricht findet als Live-Webinar statt, einmal im Monat am Wochenende (Freitag 17–20 Uhr, Samstag 10–18 Uhr, Sonntag 10–16 Uhr), über rund 12 Monate mit 250 Unterrichtseinheiten. Der Einstieg ist laufend möglich; Themenblöcke, die vor Ihrem Start liefen, holen Sie nach, sobald sie wieder angeboten werden. Es unterrichten Dozentinnen und Dozenten mit eigener therapeutischer Praxis. Wir zeichnen bewusst nicht auf, zum Schutz der Teilnehmenden. Das ARSANIS-Zertifikat erhalten Sie, wenn Sie an mindestens 80 Prozent des Unterrichts teilgenommen und aktiv mitgearbeitet haben; verpasste Termine können Sie innerhalb der kostenlosen sechsmonatigen Verlängerung nachholen. Es ist kein staatlicher Abschluss und keine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde.

Ihre Dozentinnen und Dozenten

Tanja Abmeier-Dunskus, Dozentin für Kognitive Verhaltenstherapie bei ARSANIS

Tanja Abmeier-Dunskus
Heilpraktikerin für Psychotherapie und Verhaltenstherapeutin. Unterrichtet KVT online und in Wuppertal.

Michael Kensy, Dozent für Kognitive Verhaltenstherapie bei ARSANIS

Michael Kensy
Heilpraktiker für Psychotherapie und Verhaltenstherapeut. Unterrichtet KVT online sowie in Wuppertal und Essen.

Heike Lang, Dozentin für Kognitive Verhaltenstherapie bei ARSANIS

Heike Lang
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Paartherapie und Verhaltenstherapeutin. Unterrichtet KVT online und in Köln.


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Häufige Fragen

Wofür stehen die Buchstaben im SORKC-Modell?

S steht für Stimulus, also die auslösende Situation. O steht für Organismus, die Ausgangslage der Person mit Körperzustand, Lerngeschichte und Überzeugungen. R ist die Reaktion auf kognitiver, emotionaler, körperlicher und motorischer Ebene. K steht für Kontingenz, die Regelmäßigkeit und zeitliche Beziehung zwischen Verhalten und Folge. C steht für die Konsequenz.

Was ist der Unterschied zwischen negativer Verstärkung und Bestrafung?

Bei negativer Verstärkung fällt etwas Unangenehmes weg, etwa Angst. Das Verhalten wird dadurch wahrscheinlicher. Bei Bestrafung kommt etwas Unangenehmes hinzu oder etwas Angenehmes fällt weg. Das Verhalten wird dadurch unwahrscheinlicher.

Wer hat das SORKC-Modell entwickelt?

Das Modell geht auf den Psychologen Frederick H. Kanfer zurück, der es gemeinsam mit George Saslow ausgearbeitet hat. Es baut auf dem operanten Konditionieren auf und gehört zu den Grundwerkzeugen der Verhaltenstherapie.

Warum sind kurzfristige Konsequenzen so wichtig?

Kurzfristige Folgen treten schneller und sicherer ein als langfristige und prägen das Verhalten deshalb stärker. Viele Problemverhaltensweisen bringen sofortige Erleichterung und schaden erst später. Das erklärt, warum sie trotz besseren Wissens bestehen bleiben.

Darf ich als Coach mit dem SORKC-Modell arbeiten?

Ja, bei Anliegen ohne Krankheitswert, etwa Aufschieben im Beruf oder Konflikten im Team. Wenn die Analyse Teil der Behandlung einer psychischen Störung ist, handelt es sich um Heilkunde. Dafür ist eine Approbation oder eine Heilpraktikererlaubnis, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie, erforderlich.

Das SORKC-Modell macht sichtbar, was ein Verhalten auslöst und was es aufrechterhält. Wer die fünf Bestandteile sauber trennt, kurz- und langfristige Folgen unterscheidet und aus der Analyse konkrete Ansatzpunkte ableitet, hat ein Werkzeug, das in der Verhaltenstherapie, aber auch in Beratung und Pädagogik trägt.