KVT ohne Heilpraktiker-Erlaubnis: Was ist erlaubt?
Unter einer Anzeige für unsere KVT-Ausbildung schrieb ein Nutzer sinngemäß: Kognitive Verhaltenstherapie dürften nur Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychotherapeuten anwenden. Wer keine Erlaubnis habe, müsse es eben „kognitive Umstrukturierung“ nennen und „coachen“. Diese Unsicherheit hören wir in Beratungsgesprächen oft. Viele Interessentinnen und Interessenten fragen sich: Was darf ich mit einer KVT-Ausbildung eigentlich tun, wenn ich keine Heilpraktikererlaubnis habe?
Die kurze Antwort: Entscheidend ist nicht, wie Sie Ihre Methode nennen, sondern bei wem und wozu Sie sie einsetzen. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Rechtslage, zeigt die Grenze zwischen Coaching und Heilkunde an Beispielen und erklärt, was Absolventinnen und Absolventen einer KVT-Ausbildung mit und ohne Erlaubnis tun dürfen. Er ersetzt keine Rechtsberatung. Im Einzelfall entscheiden das zuständige Gesundheitsamt und im Streitfall die Gerichte.
Inhaltsverzeichnis: Das erwartet Sie in diesem Artikel
Die Rechtsgrundlage: Heilpraktikergesetz und Psychotherapeutengesetz
Zwei Gesetze bestimmen, wer psychisch kranke Menschen behandeln darf.
Heilpraktikergesetz: Heilkunde braucht eine Erlaubnis
Nach § 1 des Heilpraktikergesetzes (HeilprG) braucht eine Erlaubnis, wer die Heilkunde ausüben will, ohne Ärztin oder Arzt zu sein. Was Heilkunde ist, definiert das Gesetz selbst: jede berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen. Diese Definition hat der Bundesgerichtshof in seinem Urteil vom 22. Juni 2011 (Az. 2 StR 580/10) wörtlich zugrunde gelegt. Wer ohne Erlaubnis Heilkunde ausübt, macht sich nach § 5 HeilprG strafbar.
Psychotherapeutengesetz: Was Psychotherapie ist und was nicht
Das Psychotherapeutengesetz (PsychThG) definiert in § 1 Absatz 2 Psychotherapie als jede mittels wissenschaftlich geprüfter und anerkannter psychotherapeutischer Verfahren oder Methoden berufs- oder geschäftsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist. Ausdrücklich nicht dazu gehören Tätigkeiten, die nur die Aufarbeitung oder Überwindung sozialer Konflikte oder sonstige Zwecke außerhalb der Heilkunde zum Gegenstand haben. So zitiert es auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages in seiner Kurzinformation WD 8 – 3000 – 055/24 vom 27. August 2024.
Die kognitive Verhaltenstherapie gehört zu den wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren. Wird sie eingesetzt, um eine psychische Erkrankung festzustellen, zu heilen oder zu lindern, ist das Psychotherapie und damit Heilkunde.
Wer darf Psychotherapie ausüben?
- Approbierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Ärztinnen und Ärzte.
- Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker mit voller Erlaubnis.
- Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker für Psychotherapie mit der auf Psychotherapie beschränkten (sektoralen) Erlaubnis. Diese Möglichkeit geht auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 21. Januar 1993 (Az. 3 C 34.90) zurück.
Das Psychotherapeutengesetz verbietet nicht allgemein, dass Nicht-Approbierte Psychotherapie ausüben. Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker dürfen psychotherapeutisch arbeiten, aber nicht unter der Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ oder „Psychologischer Psychotherapeut“. Darauf weist der Wissenschaftliche Dienst unter Bezug auf das Bundesverfassungsgericht (Beschluss vom 16. März 2000, Az. 1 BvR 1453/99) hin.
Was der BGH 2011 entschieden hat
Im Urteil vom 22. Juni 2011 (Az. 2 StR 580/10) ging es um eine Frau, die ohne Heilpraktikererlaubnis in ihrer Wohnung sogenannte Synergetik-Behandlungen durchführte, überwiegend bei Menschen mit psychischen Leiden. Das Landgericht Frankfurt hatte sie wegen unerlaubter Ausübung der Heilkunde verurteilt, der BGH bestätigte das. Für unsere Frage sind drei Aussagen wichtig:
- Psychotherapie ist Heilkunde. Das Landgericht habe die Behandlung zutreffend als Ausübung der Heilkunde angesehen. Das Psychotherapeutengesetz habe den Erlaubnisvorbehalt des Heilpraktikergesetzes nicht beseitigt.
- Es kommt auf die mögliche Gefahr an. Erlaubnispflichtig sind nach der verfassungskonformen Auslegung nur Behandlungen, die gesundheitliche Schäden verursachen können. Ein nur geringfügiges Gefahrenmoment reicht nicht. Eine konkrete Gefahr muss aber nicht eingetreten sein: Es genügt, dass die Tätigkeit generell geeignet ist, die Gesundheit nennenswert mittelbar oder unmittelbar zu gefährden.
- Fachkunde gehört zur Abgrenzung. Im Fall sah der BGH eine Gefahr darin, dass Gegenanzeigen wie latente Psychosen nur von einer medizinisch oder psychotherapeutisch qualifizierten Person ausgeschlossen werden können.
Zur kognitiven Verhaltenstherapie selbst hat sich der BGH in diesem Urteil nicht geäußert. Die Grundsätze gelten aber für jede psychotherapeutische Methode.
Warum ein anderer Name nicht hilft
Der Ratschlag aus dem Kommentar, man solle es einfach „kognitive Umstrukturierung“ nennen, führt in die Irre. Kognitive Umstrukturierung ist selbst eine Kernmethode der KVT, wie wir im Beitrag ABC-Modell und Gedankenprotokoll und im Beitrag Sokratischer Dialog in der KVT zeigen. Das Gesetz fragt nicht nach dem Etikett. Es fragt, ob eine Tätigkeit dazu dient, Krankheiten oder Leiden festzustellen, zu heilen oder zu lindern.
Umgekehrt gilt: Wer KVT-Techniken bei gesunden Menschen für Ziele außerhalb der Heilkunde einsetzt, übt keine Heilkunde aus, auch wenn er die Methode beim Namen nennt. Dann darf das Angebot allerdings nicht als Therapie oder Behandlung beworben werden.
Wo Coaching endet und Heilkunde beginnt
Die folgenden Beispiele zeigen die Richtung. Sie sind vereinfacht und ersetzen keine Prüfung im Einzelfall.
Eher Coaching oder Beratung
- Eine Führungskraft möchte besser mit Termindruck umgehen und lernt, stressverschärfende Gedanken zu erkennen und zu hinterfragen.
- Eine Studentin will ihre Aufschieberitis in den Griff bekommen und arbeitet mit Wochenplänen und kleinen Verhaltensschritten.
- Ein Team lernt in einem Workshop, wie Bewertungen Gefühle beeinflussen, und übt das an Alltagssituationen.
Gemeinsam ist diesen Fällen: Es geht um Alltag, Beruf oder persönliche Entwicklung, nicht um die Behandlung einer Erkrankung.
Heilkunde: nur mit Erlaubnis
- Ein Klient berichtet von Panikattacken, meidet Bus und Supermarkt und möchte, dass „das weggeht“.
- Eine Klientin ist seit Wochen niedergeschlagen, schläft kaum, hat an nichts mehr Freude und fragt, ob sie depressiv ist.
- Jemand möchte seine Zwangsgedanken oder Kontrollhandlungen loswerden.
Hier geht es um Beschwerden, die auf eine psychische Störung mit Krankheitswert hindeuten können. Sie festzustellen und zu behandeln ist Heilkunde. Wie KVT bei solchen Störungen eingesetzt wird, beschreiben unsere Beiträge zu Panikstörung und Agoraphobie, Depressionen und Zwangsstörungen.
Die Grauzone ernst nehmen
Die Grenze verläuft nicht immer scharf. Wer im Coaching merkt, dass hinter einem Thema mehr steckt, etwa anhaltende Schlaflosigkeit, Hoffnungslosigkeit oder Gedanken an den Tod, sollte die Arbeit nicht fortsetzen, sondern an Ärztin, Arzt oder Psychotherapeutin verweisen. Bei akuter Gefahr gilt der Notruf 112. Genau diese Einschätzung, ob eine Erkrankung vorliegen könnte, ist im Sinne des BGH eine Aufgabe, die Fachkunde voraussetzt.
Was Sie mit einer KVT-Ausbildung dürfen
Ohne Heilpraktikererlaubnis
- KVT-Techniken im Coaching, in der Beratung, im Training und in der Erwachsenenbildung einsetzen, solange die Klientinnen und Klienten gesund sind und es nicht um die Behandlung einer Erkrankung geht.
- Über psychische Gesundheit informieren, etwa in Kursen oder Vorträgen, ohne Diagnosen zu stellen.
- KVT-Wissen im bestehenden Beruf nutzen, zum Beispiel in Pädagogik, Sozialarbeit oder Personalentwicklung, im Rahmen dessen, was dieser Beruf erlaubt.
Nicht erlaubt sind die Feststellung und Behandlung psychischer Erkrankungen und die Werbung mit Begriffen wie „Therapie“ oder „Behandlung“. Mehr zu dieser Abgrenzung lesen Sie in den Beiträgen Was darf ein psychologischer Berater? und Beratung, Coaching oder Psychotherapie.
Mit Erlaubnis als Heilpraktiker für Psychotherapie
- Psychische Störungen mit Krankheitswert feststellen und psychotherapeutisch behandeln, auch mit KVT.
- Eine eigene Praxis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz führen. Die Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ bleibt approbierten Fachleuten vorbehalten.
Was die Erlaubnis im Einzelnen umfasst, zeigen die Beiträge Was darf ein Heilpraktiker? und Was darf ein Heilpraktiker nicht?. Für Coaches, die über die Erlaubnis nachdenken, gibt es den Beitrag HPP-Schein für Coaches.
Ihre Dozentinnen und Dozenten
Tanja Abmeier-Dunskus
Heilpraktikerin für Psychotherapie und Verhaltenstherapeutin. Unterrichtet KVT online und in Wuppertal.
Michael Kensy
Heilpraktiker für Psychotherapie und Verhaltenstherapeut. Unterrichtet KVT online sowie in Wuppertal und Essen.
Heike Lang
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Paartherapie und Verhaltenstherapeutin. Unterrichtet KVT online und in Köln.
KVT-Ausbildung und Heilpraktiker für Psychotherapie bei ARSANIS
Bei ARSANIS können Sie beide Wege gehen oder kombinieren. In der KVT-Ausbildung lernen Sie die Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie praxisnah, von der Verhaltensanalyse über die kognitive Umstrukturierung bis zu Exposition und Verhaltensaktivierung. Der Unterricht findet an einem Wochenende im Monat statt, in Präsenz in Wuppertal, Köln oder Essen oder live online. Der Einstieg ist laufend möglich.
Wer mit KVT auch Menschen mit psychischen Erkrankungen behandeln möchte, braucht zusätzlich die Erlaubnis als Heilpraktiker für Psychotherapie. Auf die Überprüfung beim Gesundheitsamt bereitet die HPP-Ausbildung vor. Wie sich beide Ausbildungen ergänzen, beschreiben die Beiträge HPP und KVT kombinieren und KVT für Heilpraktiker für Psychotherapie.
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Häufige Fragen
Darf ich KVT ohne Heilpraktikererlaubnis anwenden?
Ja, aber nur außerhalb der Heilkunde: bei gesunden Menschen, für Ziele wie Stressbewältigung, berufliche Entwicklung oder persönliche Veränderung. Die Feststellung und Behandlung psychischer Erkrankungen erfordert eine Erlaubnis nach § 1 Heilpraktikergesetz oder eine Approbation.
Reicht es, statt „Therapie“ „Coaching“ oder „kognitive Umstrukturierung“ zu sagen?
Nein. Maßgeblich ist nach § 1 Absatz 2 HeilprG, ob eine Tätigkeit der Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten oder Leiden dient. Ein anderer Name ändert daran nichts.
Was droht bei unerlaubter Ausübung der Heilkunde?
Die unerlaubte Ausübung der Heilkunde ist nach § 5 HeilprG strafbar. Im vom BGH am 22. Juni 2011 bestätigten Fall wurde eine Frau verurteilt, die ohne Erlaubnis Menschen mit psychischen Leiden behandelt hatte.
Darf ich mich mit HPP-Erlaubnis Psychotherapeut nennen?
Nein. Die Berufsbezeichnung „Psychotherapeutin“ oder „Psychotherapeut“ ist approbierten Fachleuten vorbehalten. Üblich sind Bezeichnungen wie „Heilpraktiker für Psychotherapie“ oder „Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz“.
Lohnt sich die KVT-Ausbildung auch ohne HPP-Erlaubnis?
Für Coaching, Beratung, Training und viele soziale und pädagogische Berufe ja, denn dort sind KVT-Techniken bei gesunden Menschen erlaubt. Wer später therapeutisch arbeiten möchte, kann die HPP-Erlaubnis zusätzlich erwerben.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt einen allgemeinen Überblick und ist keine Rechtsberatung. Stand der Quellen: 3. November 2026.






