Exposition in der Verhaltenstherapie erklärt

Kaum eine Methode der Verhaltenstherapie ist so gut untersucht und zugleich so missverstanden wie die Exposition. Viele stellen sich darunter vor, dass jemand mit Spinnenangst eine Vogelspinne auf die Hand gesetzt bekommt. Tatsächlich ist Exposition ein sorgfältig geplantes, gemeinsam vereinbartes Vorgehen, bei dem sich Menschen gezielt dem stellen, was sie bisher vermieden haben. Nicht um sich abzuhärten, sondern um eine neue Lernerfahrung zu machen.

Dieser Beitrag erklärt die Formen der Exposition, den Unterschied zwischen schrittweisem Vorgehen und Flooding, die beiden wichtigsten Erklärungsmodelle Habituation und Inhibitionslernen sowie die Grenzen und Sicherheitsregeln. Wie Exposition bei einzelnen Störungsbildern eingesetzt wird, beschreiben die Beiträge zur KVT bei Panikstörung und Agoraphobie und zur KVT bei Zwangsstörungen. Eine Diagnose oder Behandlung ersetzt dieser Artikel nicht.

Was ist Exposition?

Exposition, auch Konfrontation oder Reizkonfrontation genannt, bedeutet: Ein Mensch setzt sich dem aus, was bei ihm Angst, Ekel oder starke Anspannung auslöst. Das können reale Situationen und Gegenstände sein, aber auch Körperempfindungen, Gedanken oder innere Bilder. Das geschieht im geschützten Rahmen einer Therapie, nach Aufklärung und mit Zustimmung.

Der Grund dafür liegt in der Vermeidung. Wer gefürchtete Situationen meidet oder sich mit Sicherheitsverhalten absichert, erlebt kurzfristig Erleichterung. Langfristig verhindert genau das die entscheidende Erfahrung: dass die befürchtete Katastrophe ausbleibt oder dass sich die Situation bewältigen lässt. Die Angst bleibt bestehen oder breitet sich aus. Exposition unterbricht diesen Kreislauf. Wie Vermeidung über negative Verstärkung aufrechterhalten wird, lässt sich gut mit einer Verhaltensanalyse sichtbar machen.

Die Formen der Exposition

Form Was geschieht Typisches Beispiel
in vivo Konfrontation mit der realen Situation mit dem Bus in die Innenstadt fahren, eine Spinne in einem Glas betrachten
in sensu Konfrontation in der Vorstellung eine gefürchtete Szene ausführlich und wiederholt in Gedanken durchleben
interozeptiv gezieltes Auslösen gefürchteter Körperempfindungen Herzklopfen durch Treppensteigen, Schwindel durch Drehen auf einem Stuhl
in virtuo Konfrontation in einer virtuellen Umgebung, etwa mit VR-Brille virtueller Blick von einer Höhe, virtueller Flug

Exposition in vivo gilt als die direkteste Form. In sensu wird gewählt, wenn eine Situation real nicht herstellbar ist oder wenn sich die Angst vor allem auf Vorstellungen und Befürchtungen richtet. Die interozeptive Exposition spielt bei der Panikstörung eine große Rolle, weil sich die Angst dort auf Körpersignale richtet. Die S3-Leitlinie Angststörungen empfiehlt die Exposition in virtueller Realität bei bestimmten spezifischen Phobien, etwa Höhen- oder Flugangst, wenn eine Exposition in vivo nicht verfügbar oder nicht möglich ist. Sie weist darauf hin, dass dabei in etwa 10 Prozent der Fälle Übelkeit durch Bewegungskrankheit auftreten kann.

Graduiert, massiert oder Flooding?

Graduierte Exposition

Bei der graduierten Exposition wird gemeinsam eine Liste gefürchteter Situationen erstellt und nach der erwarteten Angst geordnet, oft auf einer Skala von 0 bis 100. Begonnen wird mit Situationen, die herausfordernd, aber machbar sind. Schritt für Schritt geht es zu schwierigeren Situationen. Das Tempo wird gemeinsam festgelegt.

Systematische Desensibilisierung

Eine historische Vorform ist die systematische Desensibilisierung, die der Psychotherapeut Joseph Wolpe Ende der 1950er Jahre entwickelte. Die Klientinnen und Klienten lernen zunächst ein Entspannungsverfahren, meist die Progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson. Im entspannten Zustand stellen sie sich dann die Stufen ihrer Angsthierarchie vor, beginnend mit der schwächsten. Erst wenn eine Stufe keine Angst mehr auslöst, folgt die nächste.

Massierte Exposition und Flooding

Beim Flooding, auf Deutsch Reizüberflutung, erfolgt die Konfrontation direkt mit sehr schwierigen Situationen, ohne langsamen Aufbau. Massierte Exposition meint ein intensiviertes Vorgehen mit vielen Übungen in kurzer Zeit, etwa an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen. Solche Formen sind fachlich vertretbar.

Wie wirkt Exposition? Habituation und Inhibitionslernen

Lange wurde Exposition vor allem mit Habituation erklärt: Wer lange genug in der gefürchteten Situation bleibt, gewöhnt sich daran, die Angst sinkt innerhalb der Übung und von Übung zu Übung. Daraus entstand die verbreitete Regel, eine Übung erst zu beenden, wenn die Angst deutlich nachgelassen hat.

Neuere Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. Die Arbeitsgruppe um Michelle Craske beschrieb 2014 in der Fachzeitschrift Behaviour Research and Therapy einen Ansatz, der auf dem Inhibitionslernen beruht. Die Kernaussagen:

  • Die alte Angstverbindung wird nicht gelöscht. Bei der Exposition entsteht eine neue, hemmende Lernerfahrung, etwa „Die Situation führt nicht zur Katastrophe“. Beide Erfahrungen bestehen nebeneinander. Das erklärt, warum Angst nach erfolgreicher Behandlung in neuen Situationen oder unter Belastung zurückkehren kann.
  • Der Angstabfall während der Übung sagt den langfristigen Erfolg nicht zuverlässig vorher. Eine Übung kann wirksam sein, auch wenn die Angst dabei hoch bleibt.
  • Entscheidend ist die Erwartungsverletzung. Je deutlicher eine Erfahrung der Befürchtung widerspricht, desto stärker das neue Lernen. Die Dauer einer Übung richtet sich deshalb nach der Frage, ob die Befürchtung überprüft werden konnte, nicht allein nach dem Angstniveau.
  • Sicherheitssignale und Sicherheitsverhalten können das Lernen schwächen, etwa eine Begleitperson, ein Notfallmedikament in der Tasche oder ständiges Ablenken. Sie sollten möglichst bald abgebaut werden.
  • Abwechslung und verschiedene Orte fördern, dass das Gelernte auch in neuen Situationen abrufbar ist.

Im deutschsprachigen Raum haben A. Pittig und R. Pittig 2023 in der Fachzeitschrift „Die Psychotherapie“ diese Überlegungen für die Praxis aufbereitet. Sie beschreiben Habituation als möglichen und hilfreichen, aber nicht bei allen Betroffenen zwingenden Wirkprozess. Statt „Aushalten, bis die Angst von allein nachlässt“ rückt die Frage in den Mittelpunkt, welche Übung die zentrale Befürchtung am besten überprüft. Ein direkter Vergleich beider Begründungen in Studien steht nach ihrer Darstellung noch aus.

Ablauf einer Exposition

  1. Diagnostik und Verhaltensanalyse: Was genau wird gefürchtet? Welche Vermeidung und welches Sicherheitsverhalten gibt es?
  2. Psychoedukation und Begründung: Die Person versteht, warum Vermeidung die Angst aufrechterhält und was die Übungen bewirken sollen. Erst dann wird gemeinsam entschieden.
  3. Befürchtung konkret formulieren: „Wenn ich zehn Minuten im vollen Bus bleibe, werde ich ohnmächtig.“ Wie sicher ist sich die Person, von 0 bis 100?
  4. Übung durchführen: in der vereinbarten Situation, ohne Sicherheitsverhalten oder mit einem geplanten Abbau. Die Therapeutin oder der Therapeut ist bei den ersten Übungen oft dabei.
  5. Nachbesprechung: Ist die Befürchtung eingetreten? Was hat die Person gelernt? Auch eine abgebrochene Übung wird als Teilschritt ausgewertet, nicht als Versagen.
  6. Selbstständiges Üben: Zwischen den Sitzungen übt die Person allein weiter, in wechselnden Situationen, und führt ein kurzes Protokoll.

Für die Panikstörung mit Agoraphobie empfiehlt die S3-Leitlinie Angststörungen, dass die KVT bei Vermeidungsverhalten Expositionselemente enthält und dass die Exposition in Begleitung einer Therapeutin oder eines Therapeuten angeboten wird. Weitere Übungsformen der KVT stellt der Beitrag KVT-Übungen und Interventionen vor.

Wann wird Exposition eingesetzt?

Exposition gehört zu den Kernmethoden der KVT bei Angststörungen und Zwangsstörungen. Die S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen (Stand 2021) empfiehlt bei spezifischen Phobien eine KVT beziehungsweise Expositionstherapie mit dem höchsten Empfehlungsgrad. Die S3-Leitlinie Zwangsstörungen (Stand 2022) empfiehlt die KVT einschließlich Exposition als Psychotherapie der ersten Wahl. Bei Zwängen wird die Exposition mit Reaktionsverhinderung verbunden: Die Person verzichtet während der Übung auf das Ritual. Auch bei der sozialen Angst spielen Expositionen und Verhaltensexperimente eine wichtige Rolle, wie der Beitrag KVT bei sozialer Angst zeigt.

Grenzen und Sicherheit

Exposition ist anspruchsvoll, für die Betroffenen und für die Anleitenden. Pittig und Pittig weisen darauf hin, dass sie in der Praxis oft zögerlich oder gar nicht eingesetzt wird, häufig aus Sorge vor Schäden oder wegen vermeintlicher Kontraindikationen. Absolute Kontraindikationen für eine graduierte Exposition gibt es nach ihrer Darstellung kaum. Wichtige Sicherheitsregeln sind dennoch:

  • Keine Exposition bei realer Gefahr. Geübt wird nur in Situationen, die objektiv sicher sind.
  • Körperliche Erkrankungen ärztlich klären. Sie sind nicht automatisch ein Ausschlussgrund, ihre Bedeutung sollte aber vorher ärztlich abgeklärt werden, etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor interozeptiven Übungen.
  • Akute Eigen- oder Fremdgefährdung hat Vorrang. Bei Suizidgedanken wird zuerst die Sicherheit geklärt; bei akuter Gefahr gilt die Notfallversorgung.
  • Keine Übungen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss und möglichst ohne Bedarfsmedikation, die das Erleben dämpft. Änderungen an verordneten Medikamenten gehören in ärztliche Hand.
  • Aufklärung und Zustimmung: Die Person weiß, was geplant ist, und entscheidet mit. Niemand wird überrumpelt.
  • Fachliche Übung: Wer Expositionen anleitet, sollte sie selbst unter Anleitung gelernt und reflektiert haben.

Bei traumabezogenen Erinnerungen gelten besondere Anforderungen. Traumafokussierte Verfahren gehören in die Hände entsprechend qualifizierter Fachleute.

Rechtsrahmen

Exposition zur Behandlung einer Angststörung, einer Zwangsstörung oder einer anderen Störung mit Krankheitswert ist Ausübung der Heilkunde. Dafür ist nach § 1 Heilpraktikergesetz eine Erlaubnis nötig: eine Approbation oder eine Heilpraktikererlaubnis, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie, die das Gesundheitsamt nach einer Überprüfung erteilt. Die Bezeichnung „Psychotherapeut“ ist geschützt. Eine KVT-Weiterbildung vermittelt Methodenkompetenz, aber keine Erlaubnis. Coaches und Beraterinnen ohne Erlaubnis führen keine Expositionstherapie bei Angststörungen durch. Was die sektorale Erlaubnis umfasst, erklärt der Beitrag Was darf ein Heilpraktiker?

Exposition bei ARSANIS lernen

In der KVT-Ausbildung online von ARSANIS – Die Heilpraktikerschule ist Exposition ein eigener Themenblock: Expositionsverfahren in sensu, in vivo und in virtuo, Angsthierarchie, systematische Desensibilisierung, Reaktionsverhinderung und Angstbewältigung. Die dafür nötigen Entspannungsverfahren, Progressive Muskelrelaxation und Autogenes Training, sind ein weiterer Block. Geplant und besprochen werden Expositionen an Fallbeispielen und in Übungen mit Rückmeldung.

Der Unterricht findet als Live-Webinar statt, einmal im Monat am Wochenende (Freitag 17–20 Uhr, Samstag 10–18 Uhr, Sonntag 10–16 Uhr), über rund 12 Monate mit 250 Unterrichtseinheiten. Der Einstieg ist laufend möglich. Es unterrichten Dozentinnen und Dozenten mit eigener therapeutischer Praxis. Wir zeichnen bewusst nicht auf, zum Schutz der Teilnehmenden. Zum Abschluss schreiben Sie eine Hausarbeit und erhalten das ARSANIS-Zertifikat. Es ist kein staatlicher Abschluss und keine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde.

Ihre Dozentinnen und Dozenten

Tanja Abmeier-Dunskus, Dozentin für Kognitive Verhaltenstherapie bei ARSANIS

Tanja Abmeier-Dunskus
Heilpraktikerin für Psychotherapie und Verhaltenstherapeutin. Unterrichtet KVT online und in Wuppertal.

Michael Kensy, Dozent für Kognitive Verhaltenstherapie bei ARSANIS

Michael Kensy
Heilpraktiker für Psychotherapie und Verhaltenstherapeut. Unterrichtet KVT online sowie in Wuppertal und Essen.

Heike Lang, Dozentin für Kognitive Verhaltenstherapie bei ARSANIS

Heike Lang
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Paartherapie und Verhaltenstherapeutin. Unterrichtet KVT online und in Köln.


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Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Exposition in vivo und in sensu?

Bei der Exposition in vivo stellt sich die Person der realen Situation, etwa einer Busfahrt. Bei der Exposition in sensu geschieht die Konfrontation in der Vorstellung, zum Beispiel wenn eine Situation real nicht herstellbar ist oder sich die Angst vor allem auf Befürchtungen richtet.

Muss die Angst während einer Exposition nachlassen?

Nicht unbedingt. Nach dem Ansatz des Inhibitionslernens sagt der Angstabfall während der Übung den langfristigen Erfolg nicht zuverlässig vorher. Wichtiger ist, dass die Übung die zentrale Befürchtung überprüft und die Person eine neue Erfahrung macht.

Was ist Flooding?

Flooding, auf Deutsch Reizüberflutung, ist eine direkte Konfrontation mit sehr schwierigen Situationen ohne schrittweisen Aufbau.

Ist Exposition gefährlich?

Absolute Kontraindikationen für eine graduierte Exposition gibt es nach der Fachliteratur kaum. Geübt wird aber nur in objektiv sicheren Situationen, körperliche Erkrankungen werden vorher ärztlich abgeklärt, und akute Eigen- oder Fremdgefährdung hat Vorrang.

Darf ich als Heilpraktiker für Psychotherapie Expositionen durchführen?

Mit einer auf Psychotherapie beschränkten Heilpraktikererlaubnis dürfen Sie Störungen mit Krankheitswert psychotherapeutisch behandeln, im Rahmen Ihrer Kompetenz und Sorgfaltspflicht. Expositionen sollten Sie dafür unter Anleitung gelernt haben. Ohne Erlaubnis ist die Behandlung von Angst- oder Zwangsstörungen nicht zulässig.

Exposition ist mehr als „sich der Angst stellen“. Sie ist ein geplantes Vorgehen, das Vermeidung gezielt abbaut und neue Lernerfahrungen ermöglicht. Wer die Formen kennt, den Unterschied zwischen Habituation und Inhibitionslernen versteht und die Sicherheitsregeln beachtet, kann die Methode verantwortungsvoll einsetzen, mit der passenden Erlaubnis und fachlicher Übung.