Herz-Kreislauf in der Heilpraktikerprüfung
Erkrankungen des Herzens und des Kreislaufs stehen in den Leitlinien zur Heilpraktikerüberprüfung an erster Stelle der Fachgebiete. Das ist kein Zufall: Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit und Herzschwäche sind häufig, und hinter einem Brustschmerz kann ein lebensbedrohlicher Notfall stecken. In der Prüfung müssen Sie deshalb beides können: Krankheitsbilder sicher beschreiben und Warnzeichen erkennen, bei denen nur noch eines zählt, der Notruf 112.
Dieser Beitrag fasst die prüfungsrelevanten Kernpunkte zu Hypertonie, koronarer Herzkrankheit (KHK), Herzinfarkt und Herzinsuffizienz zusammen. Grundlage sind die Nationalen VersorgungsLeitlinien (NVL), die im Leitlinienregister der AWMF veröffentlicht sind, sowie Informationen der Deutschen Herzstiftung.
Inhaltsverzeichnis: Das erwartet Sie in diesem Artikel
Hypertonie: der häufigste Befund
Definition und Schweregrade
Die NVL Hypertonie (Version 1.0, 2023) folgt der Definition der europäischen Fachgesellschaften ESC und ESH von 2018. Maßgeblich ist der in der Praxis gemessene Blutdruck:
| Kategorie | Systolisch (mmHg) | Diastolisch (mmHg) | |
|---|---|---|---|
| Hypertonie Grad 1 | 140–159 | und/oder | 90–99 |
| Hypertonie Grad 2 | 160–179 | und/oder | 100–109 |
| Hypertonie Grad 3 | ≥ 180 | und/oder | ≥ 110 |
| Isolierte systolische Hypertonie | ≥ 140 | und | < 90 |
Die Grenze von 140/90 mmHg gilt für die Praxismessung. Für die Selbstmessung zu Hause nennt die NVL einen Grenzwert von 135/85 mmHg (Mittelwert über sieben Tage), für die 24-Stunden-Messung 130/80 mmHg im 24-Stunden-Mittel, 135/85 mmHg am Tag und 120/70 mmHg in der Nacht. Genau diese unterschiedlichen Grenzwerte werden in der Prüfung gern vertauscht.
Richtig messen
Die NVL beschreibt die Messung so: mindestens fünf Minuten Ruhe vor der Messung, in der Regel im Sitzen, am Oberarm. Bei der ersten Messung werden beide Arme verglichen; danach wird am Arm mit dem höheren Wert gemessen. In der Praxis wird dreimal im Abstand von zwei Minuten gemessen, verwendet wird der Mittelwert aus der zweiten und dritten Messung. Eine einzelne erhöhte Messung ist also noch keine Diagnose.
Häufigkeit und Ursachen
In der Studie DEGS1 des Robert Koch-Instituts, die die NVL zitiert, lag die Häufigkeit bei Erwachsenen in Deutschland bei 31,6 %. Laut ärztlichen Abrechnungsdaten von 2018 entfällt der weit überwiegende Teil der Diagnosen auf die essentielle, also primäre Hypertonie ohne fassbare Einzelursache. Seltener ist eine sekundäre Hypertonie, bei der eine andere Erkrankung, etwa der Nieren oder des Hormonsystems, den Blutdruck erhöht. In der Prüfung sollten Sie wissen, dass eine Hypertonie lange beschwerdefrei verlaufen kann und gerade deshalb Folgeschäden an Herz, Gehirn, Nieren und Gefäßen verursacht.
Entgleisung oder Notfall?
Die Patienteninformation zur NVL unterscheidet zwei Situationen:
- Blutdruckentgleisung ohne Organschaden: Werte über 180 mmHg systolisch und über 110 mmHg diastolisch, mögliche Zeichen sind ein gerötetes Gesicht, Kopfschmerz, Schwindel und Übelkeit. Die Situation ist ernst, aber kein Notfall. Empfohlen wird, ruhig zu bleiben, nach etwa 30 Minuten erneut zu messen und bei fehlender Besserung die Arztpraxis zu kontaktieren.
- Hypertensiver Notfall: Der stark erhöhte Blutdruck schädigt Organe. Warnzeichen sind Atemnot, starke Brustenge, Verwirrtheit, Lähmungen, Seh- oder Sprechstörungen, Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit. Mögliche Folgen sind Schlaganfall, Herzinfarkt, Aortenriss, Hirnblutung und Lungenödem. Hier gilt: sofort 112.
Entscheidend ist also nicht allein die Zahl, sondern ob Zeichen einer Organschädigung vorliegen. Schwangere brauchen bei stark erhöhten Werten laut NVL-Patienteninformation rasch ärztliche Hilfe.
Koronare Herzkrankheit und Angina pectoris
Die NVL Chronische KHK (Version 7.0, 2024) beschreibt die KHK als klinisch relevante Arteriosklerose der Herzkranzgefäße. Sie führt häufig zu einem Missverhältnis zwischen Sauerstoffbedarf und Sauerstoffangebot im Herzmuskel. Leitsymptom ist die Angina pectoris. Die KHK kann sich aber auch nur als Herzinsuffizienz oder Herzrhythmusstörung zeigen oder ganz ohne Beschwerden verlaufen (stumme Ischämie).
Die drei Kriterien der typischen Angina pectoris
- Beschwerden hinter dem Brustbein (retrosternal) von kurzer Dauer,
- ausgelöst durch körperliche oder psychische Belastung,
- Rückgang in Ruhe und/oder innerhalb weniger Minuten nach Nitratgabe.
Sind alle drei Kriterien erfüllt, spricht man von typischer Angina pectoris, bei zwei Kriterien von atypischer Angina. Die NVL empfiehlt allerdings, statt „atypisch“ lieber von „möglicherweise kardialen“ Beschwerden zu sprechen. Für die Prüfung ist die Botschaft klar: Auch Beschwerden, die nicht ins Lehrbuchbild passen, können vom Herzen kommen.
Chronisches und akutes Koronarsyndrom
Die NVL unterscheidet das chronische Koronarsyndrom vom akuten Koronarsyndrom (ACS). Zum ACS gehören die instabile Angina pectoris, der akute Herzinfarkt und der plötzliche Herztod, also die unmittelbar lebensbedrohlichen Verläufe. Beide Formen können ineinander übergehen. Für Ihre Praxis bedeutet das: Neue Beschwerden, Beschwerden in Ruhe oder Beschwerden, die stärker werden, sind ein Notfall und gehören nicht in die heilpraktische Behandlung.
Herzinfarkt: Leitsymptome und richtiges Handeln
Die Deutsche Herzstiftung nennt folgende Alarmzeichen:
- Schmerzdauer: Beschwerden, die länger als fünf Minuten anhalten.
- Ort und Ausstrahlung: meist im Brustkorb, oft hinter dem Brustbein; auch Rücken zwischen den Schulterblättern oder Oberbauch. Ausstrahlung in Arm, Hals oder Oberbauch ist möglich.
- Charakter: flächig, brennend, drückend, als Engegefühl.
- Bei Frauen: häufiger Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen, Benommenheit, Schwindel oder ungewöhnliche Müdigkeit, auch ohne starken Brustschmerz.
- Bei älteren Menschen: Der Brustschmerz kann weniger ausgeprägt sein.
Was Sie tun
- Sofort den Notruf 112 wählen, auch bei Unsicherheit. Name, Adresse und Beschwerden nennen und erst auflegen, wenn alle Rückfragen beantwortet sind.
- Die betroffene Person mit erhöhtem Oberkörper bequem lagern, enge Kleidung öffnen, ein Fenster öffnen.
- Ruhig bleiben und die Person nicht allein lassen.
- Bei Bewusstlosigkeit ohne normale Atmung sofort mit der Herzdruckmassage beginnen: Mitte des Brustkorbs, 100 bis 120 Mal pro Minute, 5 bis 6 cm tief, auf harter Unterlage. Ist ein Defibrillator (AED) vorhanden, einschalten und den Anweisungen folgen.
Schnappatmung oder Röcheln sind keine normale Atmung. Auch das ist eine beliebte Prüfungsfrage. Weitere Notfallbilder finden Sie im Beitrag Red Flags und Notfälle in der Heilpraktikerprüfung.
Herzinsuffizienz
Die NVL Chronische Herzinsuffizienz verlangt für die Diagnose typische Beschwerden, gegebenenfalls mit klinischen Zeichen, und zusätzlich erhöhte natriuretische Peptide oder einen auffälligen Ultraschallbefund des linken Ventrikels. Nach der Pumpleistung der linken Herzkammer (linksventrikuläre Ejektionsfraktion, LVEF) unterscheidet sie drei Formen:
| Form | LVEF |
|---|---|
| HFrEF: reduzierte Ejektionsfraktion | unter 40 % |
| HFmrEF: mäßig eingeschränkte Ejektionsfraktion | 40–49 % |
| HFpEF: erhaltene Ejektionsfraktion | 50 % und mehr |
Symptome und Zeichen
Typisch sind laut NVL Atemnot bei Belastung, später auch in Ruhe und nachts, verminderte Belastbarkeit und Müdigkeit, Flüssigkeitseinlagerungen mit Ödemen und schneller Gewichtszunahme, ein trockener, oft nächtlicher Husten sowie nächtliches Wasserlassen (Nykturie). Klinische Zeichen sind unter anderem gestaute Halsvenen, Rasselgeräusche über der Lunge, ein schneller oder unregelmäßiger Puls, periphere Ödeme, Pleuraerguss, Aszites und eine vergrößerte Leber. Die NVL weist darauf hin, dass klinische Zeichen in frühen Stadien und unter entwässernden Medikamenten häufig fehlen.
In der Prüfung hilft eine einfache Zuordnung: Staut sich das Blut vor dem linken Herzen, stehen Atemnot und Lungenstauung im Vordergrund. Staut es sich vor dem rechten Herzen, zeigen sich eher Beinödeme, gestaute Halsvenen und eine Stauungsleber. Zur Einteilung des Schweregrads dient die NYHA-Klassifikation: von Klasse I (keine Beschwerden bei Alltagsbelastung) über Klasse II (Beschwerden bei stärkerer Alltagsbelastung) und Klasse III (Beschwerden schon bei leichter Belastung) bis Klasse IV (Beschwerden in Ruhe).
Menschen mit Herzinsuffizienz sollen laut NVL ihr Gewicht täglich kontrollieren und bei einer ungewöhnlichen, kurzfristigen Zunahme ihre Ärztin oder ihren Arzt informieren. Akute, starke Atemnot ist dagegen ein Notfall.
Wann Notarzt, wann ärztliche Abklärung?
| Situation | Ihr Handeln |
|---|---|
| Brustschmerz länger als fünf Minuten, Engegefühl, Ausstrahlung, Atemnot, Schweißausbruch | sofort 112 |
| Sehr hoher Blutdruck mit Atemnot, Brustenge, Verwirrtheit, Lähmung, Seh- oder Sprechstörung | sofort 112 |
| Bewusstlosigkeit ohne normale Atmung | 112, Herzdruckmassage, AED |
| Blutdruck über 180/110 mmHg ohne Warnzeichen | nachmessen, ärztliche Abklärung veranlassen |
| Wiederholt erhöhte Werte in der Praxis, Belastungsbeschwerden, zunehmende Ödeme, Gewichtszunahme | zeitnahe ärztliche Abklärung |
Bei Unsicherheit ohne akute Warnzeichen nennt die NVL-Patienteninformation den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Wie Sie Brustschmerz und Atemnot strukturiert abgrenzen, beschreibt der Beitrag Differentialdiagnostik für Heilpraktiker.
Ihre Rolle als Heilpraktikerin oder Heilpraktiker
Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören meist in ärztliche Behandlung, oft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Diese dürfen Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker nach § 48 Arzneimittelgesetz weder verordnen noch abgeben; mehr dazu im Beitrag Injektionen und Infusionen für Heilpraktiker. Raten Sie niemandem, ärztlich verordnete Herz- oder Blutdruckmedikamente abzusetzen. Ihre Aufgabe in der Prüfung und in der Praxis ist es, Warnzeichen zu erkennen, Befunde einzuordnen, rechtzeitig weiterzuleiten und im Notfall richtig zu handeln.
Typische Prüfungsfallen
- Grenzwerte vertauscht: 140/90 mmHg gilt für die Praxismessung, 135/85 mmHg für die Selbstmessung.
- Einzelmessung als Diagnose: Eine Hypertonie wird nicht aus einem einzelnen Wert abgeleitet.
- Entgleisung mit Notfall verwechselt: Entscheidend sind Zeichen der Organschädigung, nicht allein die Höhe des Werts.
- Atypische Infarktzeichen übersehen: Frauen und ältere Menschen haben häufiger Beschwerden ohne starken Brustschmerz.
- Stabile und instabile Angina vermischt: Neue, zunehmende oder Ruhebeschwerden gehören zum akuten Koronarsyndrom.
- Links- und Rechtsherzinsuffizienz vertauscht: links vor allem Lunge und Atemnot, rechts vor allem Ödeme und Halsvenenstauung.
- Schnappatmung als Atmung gewertet: Sie ist ein Zeichen für einen Kreislaufstillstand.
Im mündlichen Teil kommen diese Themen meist als Fall: „Ein Patient klagt über Druck auf der Brust beim Treppensteigen …“. Hinweise zum Gespräch finden Sie im Beitrag Mündliche Heilpraktiker-Prüfung, die übrigen Fachgebiete der Leitlinien im Beitrag Prüfungsthemen der Heilpraktikerprüfung.
Herz-Kreislauf bei ARSANIS lernen
In der Heilpraktiker-Ausbildung bei ARSANIS lernen Sie das Herz-Kreislauf-System erst in Anatomie und Physiologie, dann als Krankheitslehre. Untersuchungstechniken wie Auskultation, Vitalzeichen und Blutdruckmessung üben Sie an den Präsenzwochenenden, dazu kommen Notfall-Szenarien, Differentialdiagnostik und Fallbesprechungen. Die Ausbildung läuft im Hybridformat über 26 Monate: dienstags von 18 bis 21 Uhr live online und einmal im Monat an einem Präsenzwochenende in Wuppertal (samstags 10 bis 18 Uhr, sonntags 10 bis 16 Uhr). Es unterrichten die Heilpraktikerinnen Kirsten Sander und Aline Fiedler. Der Einstieg ist jederzeit möglich. Die Erlaubnis selbst erteilt das Gesundheitsamt nach bestandener Überprüfung.
Ihre Dozentinnen
Kirsten Sander
Heilpraktikerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Schmerztherapeutin und Darmtrainerin. Mit der doppelten Zulassung zeigt sie, wie Sie körperliche Symptome von psychischen Ursachen sicher abgrenzen.
Aline Fiedler
Heilpraktikerin mit den Schwerpunkten Injektions- und Infusionstechniken und ganzheitliche Frauenheilkunde. Sie vermittelt praxisnahes Skills-Training am Modell, ausgerichtet auf die amtsärztliche Prüfung.
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Häufige Fragen
Ab welchem Wert spricht man von Bluthochdruck?
Nach der NVL Hypertonie ab 140/90 mmHg in der Praxismessung. Bei der Selbstmessung zu Hause liegt die Grenze bei 135/85 mmHg im Mittel über sieben Tage, bei der 24-Stunden-Messung bei 130/80 mmHg.
Was sind die Warnzeichen eines Herzinfarkts?
Brustschmerz, der länger als fünf Minuten anhält, oft drückend oder brennend, mit möglicher Ausstrahlung in Arm, Hals, Rücken oder Oberbauch. Frauen haben häufiger Atemnot, Übelkeit, Schwitzen oder Schwindel, auch ohne starken Brustschmerz. Bei Verdacht sofort 112 wählen.
Was ist der Unterschied zwischen hypertensiver Entgleisung und Notfall?
Bei einer Entgleisung ist der Blutdruck stark erhöht, aber es gibt keine Zeichen einer Organschädigung. Beim hypertensiven Notfall kommen Warnzeichen wie Atemnot, Brustenge, Verwirrtheit, Lähmungen oder Sehstörungen hinzu. Dann muss sofort der Rettungsdienst gerufen werden.
Was bedeutet NYHA bei Herzinsuffizienz?
Die NYHA-Klassifikation teilt die Herzinsuffizienz nach der Belastbarkeit in vier Klassen ein: von Klasse I ohne Beschwerden bei Alltagsbelastung bis Klasse IV mit Beschwerden schon in Ruhe.
Dürfen Heilpraktiker Bluthochdruck behandeln?
Verschreibungspflichtige Blutdruckmedikamente dürfen Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker nicht verordnen. Ärztlich verordnete Medikamente sollen nicht ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt werden. Bei Warnzeichen eines Notfalls rufen Sie sofort den Rettungsdienst.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind ein Kernthema der Heilpraktikerprüfung, schriftlich wie mündlich. Wer die Grenzwerte der Hypertonie kennt, die Kriterien der Angina pectoris sicher aufzählen kann, die Formen der Herzinsuffizienz unterscheidet und die Warnzeichen eines Infarkts auch in ihrer untypischen Form erkennt, ist gut vorbereitet. Und im Zweifel gilt immer: lieber einmal zu früh 112 als einmal zu spät.






