Systemischer Coach oder Berater: Beruf und Recht

Eine neue Führungsrolle, ein festgefahrener Konflikt im Team, eine Umstrukturierung, die niemand so recht versteht: In solchen Situationen holen sich Unternehmen und Einzelne oft Unterstützung durch ein Coaching. Viele, die sich für den systemischen Ansatz interessieren, fragen sich deshalb: Werde ich besser systemischer Coach oder systemischer Berater? Und gibt es da überhaupt einen Unterschied?

Dieser Beitrag konzentriert sich auf das Coaching im beruflichen Umfeld: was einen systemischen Coach ausmacht, wo er arbeitet, welche Wege in die Weiterbildung führen und welche rechtlichen Grenzen gelten. Den allgemeinen Vergleich von Beratung, Coaching und Psychotherapie finden Sie im Beitrag Systemische Beratung, Coaching und Psychotherapie, das Berufsbild der systemischen Beratung insgesamt unter Systemischer Berater werden.

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Systemischer Coach oder systemischer Berater: der Unterschied

Vorweg: Beide Bezeichnungen sind in Deutschland nicht gesetzlich geschützt, und beide arbeiten mit demselben systemischen Denken und vielen gleichen Methoden. Eine scharfe rechtliche Trennlinie gibt es nicht. Der Unterschied liegt vor allem im Anlass, im Kontext und im Auftrag.

Systemische Beratung ist breit angelegt. Sie begleitet Einzelne, Paare, Familien und Gruppen bei Fragen des Zusammenlebens, bei Konflikten und in Lebensübergängen. Systemisches Coaching richtet sich vor allem an Menschen in ihrer beruflichen Rolle. Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) hat für das Coaching eigene Weiterbildungsrichtlinien veröffentlicht. Als Themen nennt sie dort Führungsanliegen, Organisationsfragen sowie Veränderungs- und Umstrukturierungsprozesse, und sie beschreibt das Spannungsfeld zwischen Person und Organisation als Kern des Coachings.

Merkmal Systemisches Coaching Systemische Beratung
Typischer Anlass berufliche Rolle, Führung, Zusammenarbeit, Veränderung im Unternehmen Familie, Partnerschaft, Erziehung, Lebensübergänge, auch berufliche Fragen
Wer ist im Gespräch? meist Einzelpersonen, Tandems oder Teams Einzelne, Paare, Familien, Gruppen
Wer gibt den Auftrag? oft die Organisation, die das Coaching bezahlt, neben der gecoachten Person meist die Ratsuchenden selbst oder eine Einrichtung
Blick auf das System Team, Abteilung, Hierarchie, Unternehmenskultur Familie, Herkunft, soziales Umfeld
Rechtlicher Rahmen beides außerhalb der Heilkunde; Behandlung von Störungen mit Krankheitswert nur mit Erlaubnis

In der Praxis überschneiden sich beide Felder. Wer systemisch ausgebildet ist, kann je nach Auftrag beratend oder im Coaching arbeiten.

Was systemisches Coaching im Beruf ausmacht

Ein Coach ist kein Experte, der fremde Probleme löst. Eine Fachautorin im Deutschen Ärzteblatt beschreibt den Coach als „Begleiter, Spiegel und Sparringspartner“ und als Experten im Finden von Zugängen zu Lösungen. Es geht nicht darum, die Persönlichkeit zu verändern, sondern das eigene Reflexionsvermögen zu stärken.

Systemisch wird Coaching dadurch, dass die Person nicht isoliert betrachtet wird. Eine Führungskraft, die mit ihrem Team nicht zurechtkommt, ist Teil eines Systems aus Erwartungen der Geschäftsleitung, Gewohnheiten im Team, ungeschriebenen Regeln und eigenen Erfahrungen. Ein systemischer Coach fragt deshalb nicht nur „Was machen Sie falsch?“, sondern: Welche Muster gibt es hier? Wer erwartet was von wem? Was würde sich verändern, wenn Sie anders handeln?

Der Auftrag im Dreieck

Eine Besonderheit des Coachings im Unternehmen ist der Auftrag. Häufig gibt es drei Beteiligte: die gecoachte Person, den Coach und die Organisation, die das Coaching beauftragt und bezahlt. Jede Seite kann eigene Erwartungen haben. Deshalb gehört zu Beginn eine sorgfältige Auftragsklärung dazu: Was ist das Ziel? Was erfährt der Arbeitgeber, was bleibt vertraulich? Woran merken alle Beteiligten, dass das Coaching erfolgreich war? Wer diese Fragen offen lässt, gerät später leicht zwischen die Stühle.

Arbeitsfelder: Wo systemische Coaches tätig sind

Systemisches Coaching findet in Einzel-, Tandem- oder Teamsettings statt. Typische Anlässe sind:

  • Führungskräftecoaching: sich in einer neuen Führungsrolle positionieren, mit Erwartungen von oben und unten umgehen, Entscheidungen vorbereiten
  • Konfliktklärung: Spannungen mit Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeitenden oder Vorgesetzten
  • Rollenklärung: etwa zwischen einer Führungskraft und ihrer Stellvertretung
  • Teamcoaching: Zusammenarbeit, Zuständigkeiten, Kommunikation im Team
  • Begleitung von Veränderungsprozessen: Umstrukturierungen, Fusionen, neue Arbeitsformen
  • berufliche Übergänge: Jobwechsel, Rückkehr nach einer Pause, berufliche Neuorientierung

Systemische Coaches arbeiten selbstständig mit Unternehmen und Privatpersonen als Auftraggebern oder intern, zum Beispiel in der Personalentwicklung. Häufig ergänzt das Coaching einen bestehenden Beruf: Eine Personalreferentin nutzt systemische Methoden in Mitarbeitergesprächen, ein Trainer erweitert sein Angebot um Einzelcoachings. Zum Handwerkszeug gehören unter anderem zirkuläre Fragen, Skalierungsfragen und Reframing, also das Umdeuten einer Situation in einen neuen Rahmen.

Wege in die Weiterbildung

Die Berufsbezeichnung „Coach“ ist in Deutschland nicht geschützt, und es gibt keine staatlich geregelte Coaching-Ausbildung. Der Weg führt deshalb über eine Weiterbildung, die Sie selbst auswählen. Die Angebote unterscheiden sich stark in Umfang, Unterrichtsform und Abschluss.

Institutszertifikat

Viele Weiterbildungen schließen mit einem Zertifikat des Anbieters ab. Es bestätigt die Teilnahme und die erworbenen Inhalte, ist aber kein staatlicher Abschluss. Was es wert ist, zeigt sich an Lehrplan, Dozierenden und dem Anteil an Gesprächsübungen.

Verbandsbezeichnung

Die DGSF vergibt nach einer Weiterbildung, die ihren Coaching-Richtlinien entspricht, die Bezeichnung „Systemische*r Coach (DGSF)“. Als Zugang verlangt sie einen Hochschulabschluss oder einen qualifizierten Berufsabschluss sowie Praxis, etwa als Berater oder Beraterin, Trainer oder Trainerin, Führungskraft oder im Personalwesen. Eine solche Bezeichnung ist eine Qualifikation des Fachverbands, keine staatliche Anerkennung.

Was zu Ihnen passt

Fragen Sie sich vor der Entscheidung: Möchten Sie systemische Methoden in Ihrer jetzigen Tätigkeit nutzen oder als Coach selbstständig arbeiten? Erwarten Auftraggeber in Ihrer Branche eine bestimmte Bezeichnung? Das sollten Sie im Zweifel direkt erfragen. Und: Möchten Sie später auch mit Menschen arbeiten, deren Anliegen Krankheitswert hat? Dann planen Sie die Heilpraktikererlaubnis für Psychotherapie von Anfang an mit (siehe unten).

Selbstständigkeit und Verdienst

Wer sich als Coach selbstständig macht, muss klären, ob die Tätigkeit freiberuflich oder gewerblich ist. Coaching ist kein sogenannter Katalogberuf im Sinne des Einkommensteuergesetzes. Nach einer Auskunft im Existenzgründungsportal des Bundeswirtschaftsministeriums wird beratendes Coaching häufig als gewerbliche Tätigkeit eingeordnet; die endgültige Entscheidung treffen Finanzamt und Gewerbeamt im Einzelfall. Wie der Start in die eigene Praxis gelingt, beschreibt der Beitrag Von der Ausbildung in die Praxis.

Zum Einkommen lassen sich keine verlässlichen allgemeinen Zahlen nennen. Es hängt von Branche, Region, Vorerfahrung, Auftraggebern und dem Umfang der Tätigkeit ab. Welche Faktoren beim Einkommen im systemischen Bereich eine Rolle spielen, lesen Sie im Beitrag Wie viel verdient ein systemischer Therapeut?

Rechtsrahmen: Coaching ohne Heilkunde

Coaching und Beratung sind ohne besondere Erlaubnis möglich, solange sie keine Ausübung der Heilkunde sind. Das Psychotherapeutengesetz stellt in § 1 Absatz 2 klar: Tätigkeiten, die nur die Aufarbeitung oder Überwindung sozialer Konflikte oder sonstige Zwecke außerhalb der Heilkunde zum Gegenstand haben, gehören nicht zur Ausübung der Psychotherapie. Ein Coaching zur neuen Führungsrolle oder eine Teamklärung fällt in diesen Bereich.

Bei der Bezeichnung ist Vorsicht geboten. Die Berufsbezeichnung „Psychotherapeutin“ oder „Psychotherapeut“ dürfen nur Personen mit Approbation sowie Ärztinnen und Ärzte führen (§ 1 Absatz 1 PsychThG). Wer sie unbefugt führt, macht sich nach § 132a des Strafgesetzbuchs strafbar. Das Existenzgründungsportal rät Coaches zudem, Wortverbindungen mit „Heil-“ oder „Therapie“ zu vermeiden, wenn keine Heilkunde ausgeübt wird.

Wann eine HPP-Erlaubnis nötig ist

Die Grenze ist erreicht, sobald es um Störungen mit Krankheitswert geht. Nach § 1 des Heilpraktikergesetzes ist Ausübung der Heilkunde jede berufs- oder gewerbsmäßige Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen. Wer das ohne ärztliche Approbation tun will, braucht eine Erlaubnis. Für die psychotherapeutische Arbeit gibt es die auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkte Heilpraktikererlaubnis, kurz HPP. Sie wird nach einer Überprüfung durch das Gesundheitsamt erteilt; ARSANIS bereitet darauf in der Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie vor.

Im Coaching zeigt sich die Grenze oft erst im Verlauf. Ein Beispiel: Ein Abteilungsleiter kommt wegen Konflikten mit seinem Team. Nach einigen Sitzungen berichtet er, dass er seit Wochen kaum schläft, an nichts mehr Freude hat und morgens kaum aus dem Bett kommt. Das kann auf eine Depression hindeuten. Ohne Erlaubnis ist es dann Ihre Aufgabe, auf eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung hinzuweisen und keine Behandlung zu beginnen. Bei Hinweisen auf Suizidgedanken gilt das umso dringender; bei akuter Gefahr ist die Notfallversorgung zuständig. Ob und wann sich eine HPP-Erlaubnis für Coaches lohnt, beschreibt der Beitrag HPP-Schein für Coaches.

Systemisches Arbeiten bei ARSANIS lernen

ARSANIS – Die Heilpraktikerschule bietet die Weiterbildung Systemische Beratung und Therapie live online an: ein Wochenende im Monat (Freitag 17–21 Uhr, Samstag und Sonntag 12–18 Uhr), über 12 Monate mit 250 Unterrichtseinheiten. Der Einstieg ist jederzeit möglich. Die Weiterbildung ist keine reine Coaching-Ausbildung. Sie vermittelt systemisches Denken und Methoden, die Sie in Beratung, Pädagogik, Personalarbeit und Coaching einsetzen können.

Es unterrichtet Peter Hoegen, Lizentiat in Psychologie, ausgebildet in Systemischer Kurzzeittherapie am Brief Therapy Center (ehemals MRI) in Palo Alto. Im Unterricht stehen Gesprächsübungen in Kleingruppen und Fallarbeit im Mittelpunkt. Wir zeichnen bewusst nicht auf, zum Schutz der Teilnehmenden. Die Weiterbildung schließt mit dem ARSANIS-Zertifikat „Systemische Beratung und Therapie“ ab. Es ist kein staatlicher Abschluss, keine Verbandsbezeichnung und keine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde.

Ihr Dozent

Peter Hoegen, Dozent der Systemischen Online-Ausbildung bei ARSANIS

Peter Hoegen – Ihr Dozent in der Systemischen Online-Ausbildung
Lizentiat in Psychologie, ausgebildet in Systemischer Kurzzeittherapie am renommierten Brief Therapy Center – BTC (ehemals MRI) in Palo Alto, Kalifornien (USA), Postgraduate-Diplom Systemische Paar- und Familientherapie, M.Sc. Klinische Psychologie, Master in systemisch-strategischer Kurzzeittherapie, PhD-Doktorand in Neurowissenschaft und Pädagogik. Er unterrichtet die gesamte Ausbildung selbst – live, mit Fallbeispielen aus seiner Praxis.


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Häufige Fragen

Ist „systemischer Coach“ eine geschützte Berufsbezeichnung?

Nein. Die Bezeichnung „Coach“ ist in Deutschland nicht geschützt, auch nicht in Verbindung mit „systemisch“. Transparent ist es, anzugeben, welche Weiterbildung Sie absolviert haben. Verbandsbezeichnungen wie „Systemische*r Coach (DGSF)“ setzen eine Weiterbildung nach den Richtlinien des Verbands voraus.

Was ist der Unterschied zwischen systemischem Coaching und systemischer Beratung?

Beide nutzen dasselbe Denken und ähnliche Methoden. Coaching richtet sich vor allem an Menschen in ihrer beruflichen Rolle, etwa bei Führungs-, Team- oder Veränderungsthemen. Beratung ist breiter und umfasst auch Familie, Partnerschaft und Lebensübergänge. Rechtlich liegen beide außerhalb der Heilkunde.

Darf ich als systemischer Coach Menschen mit Burnout begleiten?

Belastung und Erschöpfung im Beruf können Thema im Coaching sein. Zeigen sich aber Hinweise auf eine Störung mit Krankheitswert, etwa eine Depression, gehört die Behandlung in die Hände von Ärztinnen, Ärzten, Psychotherapeutinnen, Psychotherapeuten oder Heilpraktikern für Psychotherapie. Ohne Erlaubnis verweisen Sie dann weiter.

Muss ich als Coach ein Gewerbe anmelden?

Das hängt vom Einzelfall ab. Coaching ist kein Katalogberuf nach dem Einkommensteuergesetz, und beratendes Coaching wird häufig als Gewerbe eingeordnet. Die Entscheidung treffen Finanzamt und Gewerbeamt; im Zweifel lohnt sich eine steuerliche Beratung.

Brauche ich für systemisches Coaching einen Hochschulabschluss?

Für die Tätigkeit selbst nicht. Die Coaching-Richtlinien der DGSF verlangen für die Verbandsbezeichnung einen Hochschul- oder qualifizierten Berufsabschluss sowie Berufspraxis. Andere Anbieter legen eigene Zugangsvoraussetzungen fest; bei ARSANIS sind formale Vorkenntnisse nicht zwingend erforderlich.

Ob Sie sich systemischer Coach oder systemischer Berater nennen, ist weniger eine Frage des Rechts als eine Frage Ihres Arbeitsfelds. Wer vor allem mit Menschen in ihrer beruflichen Rolle arbeitet, ist im Coaching zu Hause. Entscheidend für beide Wege sind eine fundierte Weiterbildung, eine sorgfältige Auftragsklärung und ein klarer Blick für die Grenze zur Heilkunde.