Wunderfrage und Skalierungsfrage in der Beratung
Viele Gespräche über Probleme drehen sich im Kreis: Was ist schiefgelaufen, seit wann, wer ist schuld? Die lösungsorientierte Beratung wählt einen anderen Weg. Sie fragt, wie es aussehen würde, wenn das Problem gelöst wäre, und was davon heute schon ein kleines Stück gelingt. Zwei Fragen stehen dafür besonders: die Wunderfrage und die Skalierungsfrage. Beide sind einfach zu formulieren, verlangen aber Übung, damit sie im Gespräch ihre Wirkung entfalten.
In diesem Beitrag lesen Sie, woher die beiden Fragen stammen, wie Sie sie Schritt für Schritt stellen, wie ein kurzer Gesprächsverlauf aussehen kann und wo die Grenzen liegen. Einen Überblick über weitere systemische Werkzeuge gibt der Beitrag Systemische Methoden im Überblick.
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Inhaltsverzeichnis: Das erwartet Sie in diesem Artikel
Herkunft: die lösungsorientierte Kurzzeittherapie
Wunderfrage und Skalierungsfrage stammen aus der lösungsorientierten Kurzzeittherapie, im Englischen Solution Focused Brief Therapy. Entwickelt wurde sie in den späten 1970er- und den 1980er-Jahren von Steve de Shazer, Insoo Kim Berg und ihren Kolleginnen und Kollegen am Brief Family Therapy Center in Milwaukee (USA). Das Team knüpfte dabei an die Kurzzeittherapie des Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto und an die Arbeitsweise des Psychiaters Milton Erickson an.
Eine der frühen Beobachtungen des Teams war, dass es auch in schwierigen Lebenslagen Zeiten gibt, in denen das Problem ausbleibt oder schwächer ist. Diese Ausnahmen wurden zum Ausgangspunkt: Statt das Problem in allen Einzelheiten zu untersuchen, richtet sich die Aufmerksamkeit auf das, was schon funktioniert, und auf ein möglichst konkretes Bild des gewünschten Zustands. Die Wunderfrage hilft, dieses Bild zu entwerfen. Die Skalierungsfrage macht Fortschritte und nächste Schritte greifbar.
Lösungsorientiertes Arbeiten ist heute ein fester Teil des systemischen Methodenspektrums, in der Therapie ebenso wie in Beratung, Schule, Sozialer Arbeit und Coaching. Die zugrunde liegende Haltung, die Menschen als Expertinnen und Experten für ihr eigenes Leben sieht, beschreibt der Beitrag Systemische Haltung.
Die Wunderfrage
Die bekannte Formulierung geht auf Steve de Shazer zurück, der sie 1988 in seinem Buch Clues beschrieb. Sinngemäß übersetzt lautet sie:
„Angenommen, während Sie heute Nacht schlafen und im ganzen Haus Ruhe herrscht, geschieht ein Wunder: Das Problem, das Sie hierhergeführt hat, ist gelöst. Was wird morgen früh anders sein, woran Sie merken, dass ein Wunder geschehen ist?“
Die Frage lädt dazu ein, für einen Moment nicht über das Problem nachzudenken, sondern über den Zustand danach. Wichtig ist dabei nicht das Wunder selbst, sondern die Beschreibung des Alltags, der darauf folgt: Was tun Sie anders? Wie reagieren andere? Was bemerken Sie zuerst?
Ablauf Schritt für Schritt
- Vorbereiten: Kündigen Sie an, dass jetzt eine ungewöhnliche Frage kommt. Das gibt Ihrem Gegenüber Zeit, sich darauf einzulassen.
- Langsam stellen: Sprechen Sie die Frage ruhig und mit Pausen. Sie soll ein inneres Bild entstehen lassen, kein schnelles Antworten auslösen.
- Nach dem ersten kleinen Zeichen fragen: „Was wäre das allererste kleine Anzeichen, an dem Sie merken: Da ist etwas anders?“ Kleine, konkrete Zeichen sind hilfreicher als große Ziele.
- Die Sicht anderer einbeziehen: „Was würde Ihre beste Freundin an Ihnen bemerken?“ So verbindet sich die Wunderfrage mit dem zirkulären Fragen.
- Konkretisieren: Fragen Sie nach, bis ein beobachtbares Verhalten beschrieben ist: Wer tut was, wann, wo?
- Brücke zur Gegenwart schlagen: „Gibt es schon heute Momente, in denen ein kleines Stück davon da ist?“ Hier kommen die Ausnahmen ins Spiel.
Ein kurzes Beispiel
Eine Klientin kommt in die Beratung, weil sie sich mit ihrem jugendlichen Sohn fast nur noch streitet. Nach der Auftragsklärung stellt die Beraterin die Wunderfrage.
Klientin: „Dann würden wir uns einfach nicht mehr anschreien.“
Beraterin: „Und was würden Sie stattdessen tun? Woran würden Sie es morgens als Erstes merken?“
Klientin: „Ich würde ihn nicht schon beim Frühstück an die Hausaufgaben erinnern. Vielleicht würden wir kurz über Fußball reden.“
Beraterin: „Und was würde Ihr Sohn an Ihnen bemerken?“
Klientin: „Dass ich entspannter bin. Wahrscheinlich würde er dann auch länger am Tisch sitzen bleiben.“
Beraterin: „Gab es in letzter Zeit einen Morgen, der schon ein bisschen so war?“
Klientin: „Letzten Samstag, da hatte ich frei. Da war es eigentlich ganz nett.“
Aus einem allgemeinen Wunsch („nicht mehr schreien“) ist ein konkretes Bild geworden, und mit dem Samstag ist eine Ausnahme gefunden, an der das Gespräch weiterarbeiten kann.
Die Skalierungsfrage
Die Skalierungsfrage bittet darum, eine Situation auf einer Zahlenreihe einzuordnen. In der lösungsorientierten Arbeit wird häufig eine Skala von 0 bis 10 verwendet. Die 0 steht für den Zeitpunkt, an dem das Problem am schlimmsten war, die 10 für den Zustand, der in der Wunderfrage beschrieben wurde. Manche Fachleute verwenden auch eine Skala von 1 bis 10.
Die Zahl selbst ist dabei nur der Einstieg. Entscheidend sind die Fragen, die darauf folgen:
- Was sagt Ihnen, dass Sie bei dieser Zahl stehen? So wird beschrieben, was bereits gelingt.
- Was haben Sie getan, damit es nicht weiter unten ist? Diese Frage richtet den Blick auf eigene Fähigkeiten.
- Woran würden Sie merken, dass Sie einen Punkt höher stehen? Ein Punkt ist ein überschaubarer nächster Schritt.
- Welche Zahl würde eine andere Person vergeben? Das verbindet die Skala mit der Sicht anderer.
Skalen eignen sich nicht nur für das Problem selbst. Sie lassen sich für viele Fragen nutzen:
| Wofür skaliert wird | Beispielfrage |
|---|---|
| Fortschritt | „Wo stehen Sie heute zwischen 0 und 10, wenn 10 der Zustand nach dem Wunder ist?“ |
| Zuversicht | „Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie eine Lösung finden?“ |
| Bereitschaft | „Wie viel sind Sie bereit, dafür zu tun?“ |
| Zufriedenheit | „Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit im Team?“ |
| Fremdsicht | „Welche Zahl würde Ihr Partner Ihnen heute geben?“ |
| Ziel | „Bei welcher Zahl wäre es für Sie gut genug?“ |
Ein kurzes Beispiel
Ein Teamleiter möchte im Coaching besser mit dem Zeitdruck in seiner neuen Rolle umgehen.
Coach: „Wenn 0 die schlimmste Woche seit Ihrem Wechsel ist und 10 die Woche, wie Sie sie sich wünschen: Wo stehen Sie gerade?“
Teamleiter: „Bei einer 4.“
Coach: „Eine 4, das ist schon ein gutes Stück über der 0. Was ist da schon da?“
Teamleiter: „Ich blocke mir montags eine Stunde für die Planung. Das hilft.“
Coach: „Und woran würden Sie merken, dass Sie bei einer 5 sind?“
Teamleiter: „Wenn ich mittags wenigstens eine kurze Pause mache, ohne aufs Handy zu schauen.“
Der nächste Schritt ist klein, konkret und vom Teamleiter selbst formuliert. Darauf kann das nächste Gespräch aufbauen.
Beide Fragen kombinieren
Wunderfrage und Skalierungsfrage ergänzen sich. Die Wunderfrage beschreibt den Zielzustand, also die 10. Die Skalierungsfrage zeigt, wo jemand heute steht, und macht den Weg in kleinen Schritten sichtbar. In Folgegesprächen beginnt die lösungsorientierte Arbeit häufig mit der Frage „Was ist besser geworden?“ und mit einer erneuten Einordnung auf der Skala. So werden Veränderungen sichtbar, auch wenn sie klein sind.
Wenn die Antwort „Ich weiß nicht“ lautet
Nicht jede Person kann sofort antworten. Ein „Ich weiß nicht“ ist kein Scheitern der Frage. Das Behandlungsmanual der Solution Focused Brief Therapy Association empfiehlt, in solchen Momenten davon auszugehen, dass eine anspruchsvolle Frage gestellt wurde, und Zeit zu lassen. Oft folgt nach einer Pause ein erster Antwortversuch. Hilfreich kann auch sein, die Frage aus der Sicht einer vertrauten Person zu stellen: „Was würde Ihre Schwester sagen, was anders wäre?“
Wenn jemand sagt, es sei gar nichts besser, wird diese Sicht ernst genommen. Statt zu widersprechen, kann die beratende Person fragen, wie die Person es geschafft hat, in dieser Lage durchzuhalten.
Grenzen der beiden Fragen
Lösungsorientierte Fragen sind keine Technik, die man unabhängig von der Situation einsetzt. Einige Grenzen sollten Sie kennen:
- Ohne Beziehung und Auftrag wirken sie aufgesetzt. Wer gleich zu Beginn nach dem Wunder fragt, ohne das Anliegen gehört zu haben, kann sein Gegenüber übergehen. Menschen möchten mit ihrem Problem zuerst verstanden werden.
- Nach Krisen und Verlusten braucht es Fingerspitzengefühl. Bei Menschen, die gerade eine Krise, einen Übergriff oder einen Verlust erlebt haben, beschreibt das Manual vor allem Gespräche über das Bewältigen; ein Wunder auszumalen kann dann zu früh kommen: Wie haben Sie es bis hierher geschafft? Was hilft Ihnen gerade, den Tag zu überstehen?
- Die Skala ist kein Messinstrument. Die Zahl ist eine subjektive Einschätzung im Gespräch. Sie ersetzt keine Diagnostik und lässt sich nicht zwischen Personen vergleichen.
- Nicht jedes Anliegen gehört in die Beratung. Zeigen sich Hinweise auf eine Störung mit Krankheitswert, etwa eine Depression, oder auf Suizidgedanken, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung nötig. Bei akuter Gefahr ist die Notfallversorgung zuständig.
Der letzte Punkt hat auch eine rechtliche Seite. Lösungsorientierte Kurzzeittherapie wird in der Forschung vor allem als Psychotherapie untersucht, also als Behandlung von Krankheiten. Wer Störungen mit Krankheitswert feststellt, heilt oder lindert, übt nach § 1 des Heilpraktikergesetzes Heilkunde aus und braucht eine Approbation oder eine Heilpraktikererlaubnis. Eine auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkte Erlaubnis wird nach einer Überprüfung durch das Gesundheitsamt erteilt; ARSANIS bereitet darauf in der Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie vor. In der Beratung und im Coaching zu Anliegen außerhalb der Heilkunde, etwa bei einem Familienkonflikt oder einer beruflichen Frage, können Sie Wunder- und Skalierungsfragen ohne Erlaubnis nutzen. Wo die Grenze genau verläuft, beschreibt der Beitrag Systemische Beratung, Coaching und Psychotherapie.
Lösungsorientiertes Fragen bei ARSANIS lernen
ARSANIS – Die Heilpraktikerschule bietet die Weiterbildung Systemische Beratung und Therapie live online an: ein Wochenende im Monat (Freitag 17–21 Uhr, Samstag und Sonntag 12–18 Uhr), über 12 Monate mit 250 Unterrichtseinheiten. Der Einstieg ist jederzeit möglich. Wunderfrage und Skalierungsfragen werden im Kurs intensiv geübt, daneben gehören zirkuläre Fragen, Genogrammarbeit und Reframing zum Lehrplan.
Es unterrichtet Peter Hoegen, Lizentiat in Psychologie, ausgebildet in Systemischer Kurzzeittherapie am Brief Therapy Center (ehemals MRI) in Palo Alto, also an dem Ort, an dessen Kurzzeittherapie auch de Shazer und Berg anknüpften. Im Unterricht stehen Gesprächsübungen in Kleingruppen und Fallarbeit im Mittelpunkt. Wir zeichnen bewusst nicht auf, zum Schutz der Teilnehmenden. Die Weiterbildung schließt mit dem ARSANIS-Zertifikat „Systemische Beratung und Therapie“ ab. Es ist kein staatlicher Abschluss und keine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde.
Ihr Dozent
Peter Hoegen – Ihr Dozent in der Systemischen Online-Ausbildung
Lizentiat in Psychologie, ausgebildet in Systemischer Kurzzeittherapie am renommierten Brief Therapy Center – BTC (ehemals MRI) in Palo Alto, Kalifornien (USA), Postgraduate-Diplom Systemische Paar- und Familientherapie, M.Sc. Klinische Psychologie, Master in systemisch-strategischer Kurzzeittherapie, PhD-Doktorand in Neurowissenschaft und Pädagogik. Er unterrichtet die gesamte Ausbildung selbst – live, mit Fallbeispielen aus seiner Praxis.
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Häufige Fragen
Wer hat die Wunderfrage erfunden?
Die Wunderfrage stammt aus der lösungsorientierten Kurzzeittherapie, die Steve de Shazer, Insoo Kim Berg und ihr Team am Brief Family Therapy Center in Milwaukee entwickelt haben. Die bekannte Formulierung beschrieb de Shazer 1988 in seinem Buch „Clues“.
Wie formuliere ich die Wunderfrage?
Zum Beispiel so: „Angenommen, heute Nacht geschieht ein Wunder, während Sie schlafen, und das Problem, das Sie hierhergeführt hat, ist gelöst. Was wird morgen früh anders sein, woran Sie das merken?“ Danach fragen Sie nach dem ersten kleinen Anzeichen und danach, was andere bemerken würden.
Von 0 bis 10 oder von 1 bis 10: Welche Skala ist richtig?
Beides kommt vor. Häufig wird eine Skala von 0 bis 10 genutzt, wobei 0 für den schlimmsten Zeitpunkt und 10 für den Zustand nach dem Wunder steht. Wichtiger als die Wahl der Skala sind die Anschlussfragen: Was ist schon da, und woran würden Sie einen Punkt mehr erkennen?
Was mache ich, wenn jemand auf die Wunderfrage keine Antwort weiß?
Lassen Sie Zeit. Ein „Ich weiß nicht“ bedeutet oft nur, dass die Frage anspruchsvoll ist. Nach einer Pause folgt häufig ein erster Gedanke. Sie können die Frage auch aus der Sicht einer vertrauten Person stellen.
Darf ich Wunderfrage und Skalierung ohne Heilpraktikererlaubnis einsetzen?
In Beratung und Coaching zu Anliegen außerhalb der Heilkunde, etwa bei Konflikten oder beruflichen Fragen, ja. Für die Behandlung von Störungen mit Krankheitswert brauchen Sie eine Approbation oder eine Heilpraktikererlaubnis, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie.
Wunderfrage und Skalierungsfrage lenken den Blick vom Problem auf das Ziel und auf den nächsten kleinen Schritt. Ihre Stärke liegt in der Einfachheit, ihre Wirkung in der sorgfältigen Gesprächsführung drumherum. Wer sie in Gesprächsübungen erprobt, merkt schnell: Die eigentliche Arbeit beginnt nach der Frage, beim Nachfragen und Konkretisieren.





